Helfen blind oder wissend?


Enamaria Weber-Boch

 

Einleitung

Helfen hat viele Gesichter. Aus meiner über dreißigjährigen Tätigkeit in der Pädagogik, Sozialarbeit und aus der system-therapeutischen Beratung weiß ich über die Vielfalt der Hilfen vieles zu berichten. Nicht alle Hilfen verhelfen dem Hilfesuchenden zu mehr Kraft und Wachstum und so manches Helfen führt den Helfer in die Erschöpfung. Damit Helfen den Hilfesuchenden zu mehr Selbstverantwortung, Kraft und Wachstum führt und den Helfer nicht in die Erschöpfung, braucht es eine helfende Zurückhaltung, das Einhalten der erwachsenen Ebene beim Helfen, das systemische sich Einfühlen beim Helfen und das transformierte Helfen, nämlich die spirituelle Entwicklung des Helfers, die Versöhnung im Herzen des Helfers.

 

Dieser Beitrag beleuchtet:

  1. Eine helfende Haltung, die dem Hilfesuchenden nicht zu Wachstum und Entfaltung verhilft und die den Helfer erschöpft. Ich werde also einiges sagen zum so genannten blinden Helfen.
  2. Anschließend beleuchte ich die helfende Haltung, die den Hilfesuchenden zu mehr Selbstverantwortung, Kraft und Wachstum führt. Diese Form des Helfens bezeichne ich als das wissende Helfen. In dem Zusammenhang mache ich Ausführungen über die Ordnungen des Helfens, wie sie Bert Hellinger entwickelt hat.
  3. Als Drittes beleuchte ich, was es an innerer und persönlicher Arbeit, an spiritueller Entwicklung des Helfers braucht, damit Helfen zu einem wissenden Helfen werden kann.

 

Das so genannte blinde Helfen

 

Drei Hypothesen

  • Wenn der Helfer in Bewegung ist, muss der Klient nichts tun!
  • Wenn der Helfer agiert, ist der Klient passiv!
  • Wenn der Helfer sich anstrengt, kommt der Klient nicht in die eigenverantwortliche Bewegung!

 

Wir Helfer übernehmen manchmal eine unangemessene Verantwortung und der Klient fühlt sich damit klein und bevormundet. Wir strengen uns an und haben Schwierigkeiten, dem anderen was zuzumuten.

Im Nachhinein, ärgern wir uns vielleicht darüber, weil unsere Bemühungen nicht fruchten, sich insgesamt beim Klienten wenig, bis gar nichts bewegt, sich nichts verändert.

Wir praktizierten dann eine Hilfeform, die dem Klienten keine Selbstverantwortung abverlangt, sein Verhalten ohne Konsequenzen bleiben lässt, und damit geben wir unseren Klienten Macht über uns selbst.

 

Beim blinden Helfen, wollen Helfer ihre Klienten persönlich retten, weil sie deren Wirklichkeit nicht aushalten können. Rettende Helfer tun sich ausgesprochen schwer, dem Klienten seine Lebenszusammenhänge zuzumuten. Hinter dieser Haltung verbirgt sich helfende Omnipotenz, Macht und Kontrolle, und trotz aller Anstrengung verliert der Helfer dabei die Kontrolle. Blindes Helfen ist grundsätzlich sehr anstrengend! Durch blindes Helfen kann der Helfer in die Erschöpfung geraten!

 

Was verbirgt sich hinter einer solch angestrengten, helfenden Haltung?

Das Handeln des Helfers kommt aus den eigenen unbewussten Räumen, den blinden Flecken seiner Vita. Der Helfer hat hierbei wichtige Bereiche und Konflikte, aus der eigenen Familie und aus dem eigenen Leben, nicht bearbeitet und integriert. Er leidet am Helfer-Syndrom. Ein Helfer, der an diesem Syndrom leidet, will beispielsweise seine Mutter retten und rettet an ihrer Stelle den Klienten.

 

Beim blinden Helfer agiert ein unerlöstes inneres Kind. Jenes Kind, dass sich einmal vor vielen Jahren enorm anstrengte, sich aufopferte, um beispielsweise einer kranken Mutter oder einem hilfsbedürftigen Vater zu helfen. Ein inneres Kind, dass vielerlei Ängste entwickelte, weil seine liebsten Bezugspersonen hilfsbedürftig waren und es selbst dadurch einsam und allein war. Ein inneres Kind, dass sich als ohnmächtig erlebte und trotzdem half, wo es nur konnte. Ein inneres Kind, dass das Leid der Eltern oder eines Elternteiles nicht aushalten konnte, weil das Leid der Mutter oder des Vaters in ihm existenzielle Ängste und tiefe Schmerzen verursachte.

 

B e i s p i e l

Claudias Mutter, hatte oft starken Bauch - und Gallenschmerz und war tagelang leidend. Sie brauchte ständig einen Arzt. Claudia konnte das nur schwer ertragen. Sie erschrak, wenn ihre Mutter leiden musste und versuchte alles, sie zum Lachen zu bringen. Sie tat alles, um der Mutter beizustehen. Claudia hielt das Leiden ihrer Mutter nicht aus, darum bemühte sie sich, dieses Leiden zu lindern. Jetzt ist sie erwachsen und arbeitet als Therapeutin und sie reagiert immer noch so. Zu ihr kommen Menschen mit Problemen und sie versucht, diese Probleme zu lösen. Dabei geht sie wie früher vor: Sie will die Aufgabe lösen und das heißt, sie übernimmt die Verantwortung für die Klienten.

 

Man könnte blindes Helfen auch als eine projizierte Form des Helfens bezeichnen, denn emotional projiziert der Helfer dabei seine unerlöste Vergangenheit in die Gegenwart. Er ist emotional gebunden an eine unaufgelöste Situation seiner Vergangenheit. Aus diesem Grund ist er weniger im Kontakt mit der Wirklichkeit, mit dem Hier und Jetzt. Das so genannte blinde Helfen kommt bei dem Klienten in der Regel nicht an, denn es ist ein kraftloses Helfen. Es ist ein anmaßendes Helfen, ein eigensüchtiges Helfen. Ein Helfen, das nicht die Kräfte des Klienten weckt und fördert, sondern unbewusst eine narzisstische Befriedigung für den Helfer darstellt und die Gefahr zu erschöpfen in sich birgt.

 

Das wissende Helfen

Das wissende Helfen erfordert ein Umdenken. Denn will man den Klienten an seine Kraft, das heißt, an ein eigenverantwortliches Handeln heranführen, so muss man seine inneren Kräfte wecken und fördern. Eine wissende Helferhaltung ermöglicht ein aktives Helfen und dieses Helfen macht den Klienten nicht klein, sondern es dient seiner Entwicklung. Der Helfer ist dabei aktiv und kreativ. Er sucht nach einem Schlüssel, um im Hilfesuchenden Kräfte hervorzulocken, Leben zu wecken.

 

Das wissende Helfen beinhaltet das Wissen:

  1. um die Bewegungen des Lebens.
  2. um helfende Strukturen, die B. Hellinger die Ordnungen des Helfens nennt.
  3. Die Bewegungen des Lebens.

 

Wir Menschen leben in der Dualität zwischen den zwei Polen von Licht und Dunkelheit. Licht ist das, was sich der Liebe bewusst ist; Licht ist Bewusstheit, ist Liebe. Die Dunkelheit ist das, was keine Liebe kennt. Es sind unsere Schattenanteile, unsere blinden unbewussten Flecken. Licht und Dunkelheit sind die wichtigsten Dimensionen im helfenden Prozess.

 

Grundsätzlich könnte man sagen, das Leben ist ein Übungsfeld für die Seele, diese Dualität zu überwinden. Also das Täterdasein und das Opferdasein zu überwinden und ins Schöpferbewusstein hineinzuwachsen.
Wir Menschen sind in unserem Kern verbunden mit der Quelle. Das heißt, wir sind verbunden mit einer inneren überpersönlichen, schöpferischen Instanz, die immer richtig arbeitet, und die Weisheit in sich trägt. Wir sind also immer auf dem Weg zur mehr Schöpferkraft und Weisheit. Das ist die höchste Aufgabe. Auch der Helfer ist auf diesem Weg und er ist dabei nicht besser oder schlechter als der Klient. Nach meinen Beobachtungen ist es das Ziel des Lebens, unsere Schattenanteile zu beleuchten und sie bewusste Teile von uns werden zu lassen. Es geht also darum, mehr Selbstverantwortung, Liebe und Bewusstheit in unser Leben zu bringen. Alle Hindernisse und alle Probleme, denen wir im täglichen Leben begegnen, sind Schritte auf dem Weg zur Quelle. Um weiter zu kommen, müssen wir was tun. Das heißt, wir müssen uns selbst verantwortlich bewegen, entwickeln und wachsen. Dabei ist es jedem jedoch frei gestellt, wie er mit seinen Hindernissen und seinen Problemen umgehen möchte. Ob er sie umgehen möchte, an ihnen leiden möchte, oder ob er Hindernisse beispielsweise ansieht, als Lektionen an denen er lernen und wachsen kann. Betrachtet jemand seine Probleme als Lernlektionen, dann hat er sich für Selbstverantwortung und inneres Wachstum entschieden. Dadurch hat er eine gute Ausgangslage, um seine Probleme zu lösen und daran wachsen zu können. Eine solch konstruktive Lebensausrichtung führt uns zu mehr Bewusstheit, Liebe und Eigenverantwortung, weil wir dabei auch die Dunkelheit beleuchten und uns unseren Schattenanteilen stellen. Entscheidet sich jemand zu leiden, so hat der Helfer das zu respektieren. Meist ist es jedoch so, dass die Entscheidung zu leiden oftmals im Dunklen liegt und weniger aus dem Raum der Bewusstheit kommt. Dann ist es sinnvoll mit dem Klienten dahin zu schauen, welche Blockaden und Verstrickungen dieser Entscheidung zugrunde liegen und auf Erlösung warten. Ein wissendes Helfen macht hier Angebote, und lässt dem Klienten sowohl die Entscheidung als auch sein Wachstumstempo, dass er einzuschlagen vermag.

 

Schauen wir als Helfer auf diese Weise auf den Hilfeprozess, und auf den Klienten, dann wird doch sehr deutlich, dass der Helfer einem Hilfsbedürftigen nicht die Arbeit abnehmen darf.

 

Tut er es dennoch, so bringt er den Klienten um seinen eigenen Entwicklungsprozess, das heißt, der Hilfesuchende kann nicht weiterkommen auf dem Weg zur Quelle.
Nimmt der Helfer dem Klienten die Arbeit oder die Verantwortung ab, so schneidet er ihn auch ab, von der eigenen inneren Kraft. Beachtet der Helfer nicht den freien Willen des Hilfesuchenden, dann verwickelt er sich mit ihm, weil er unerlaubt in das Leben, in die seelische Entwicklung des Hilfesuchenden eingreift. Ein Wissen um die Bewegungen des Lebens, erlaubt dem Helfer nur, Klienten in die Selbstverantwortung, in die Liebe, ins Bewusstsein, zu führen.

 

Nach meinen Erfahrungen sind dabei die fünf Ordnungen des Helfens, wie sie B. Hellinger entwickelt hat, eine hilfreiche Orientierung für den Helfer und für den Hilfeprozess. Ich stelle sie hier ganz verkürzt vor.

 

  1.  Helfen braucht eine helfende Zurückhaltung, das heißt, der Helfer gibt nur das, was er hat und der Klient nimmt nur das, was er braucht, um auf seinem Weg der seelischen Entwicklung weiter zu kommen.
  2. Seelische Entwicklung und Wachstum hängen aber immer ab von besonderen Umständen, Äußeren wie Inneren. Viele äußere Umstände sind vorgegeben und nicht veränderbar, zum Beispiel Erbkrankheiten oder auch die Folge von Ereignissen in der Familie oder von eigener und fremder Schuld."Der Helfer muss das beim Hilfeprozess berücksichtigen.
  3. Eine zentrale helfende Ordnung ist das Einhalten der Erwachsenenebene beim Helfen. Das heißt, dass der Helfer einem Erwachsenen der Hilfe sucht, auch als Erwachsener gegenübertritt und alle Versuche des Klienten, ihn in die Elternrolle zu drängen zurückweist.
  4. Das systemische Sicheinfühlen beim Helfen ist die vierte Ordnung. Das heißt, der Helfer fühlt sich weniger persönlich ein, sondern er fühlt sich vor allem in das System ein, zu dem der Hilfesuchende gehört. Er hat also alle Systemmitglieder im Blick und vermeidet die persönliche Beziehung mit dem Klienten. Ich stimme an dieser Stelle nicht ganz zu. Im Hilfeprozess kann es Situationen oder Wegstrecken geben, in denen der einzelne Klient, für eine gewisse Zeit ein Forum braucht, um beispielsweise die Wunden und Schmerzen, seines Traumas zu sichten, zu beleuchten, zu fühlen, zu würdigen, um sie schließlich integrieren zu können. 
  5. Das transformierte Helfen heißt, es braucht im Hilfeprozess, die Versöhnung im Herzen des Helfers. Der Helfer entwickelt also eine wertfreie Haltung, zu jedem Menschen, wie er ist. Es ist ein Helfen das auf Entrüstung, auf Verurteilung und auf Macht verzichtet. Zum transformierten Helfen gehört die Herzöffnung des Helfers, dadurch wächst er über seine eigenen Begrenzungen hinaus.

 

Die spirituelle Entwicklung des Helfers

Im Laufe meiner beruflichen Praxis wurde mir immer deutlicher, dass zum wissenden Helfen eine spirituelle Ausrichtung also die innere Entwicklung des Helfers gehört. In der konventionellen Fachausbildung ist diese Qualität leider nicht enthalten. Das ist schade! Denn die spirituelle Entwicklung des Helfers, ist im wissenden Hilfeprozess von grundlegender Bedeutung. Spirituelle Entwicklung beginnt immer in der eigenen Seele und das bedeutet:

  • Wir Helfer wissen weitestgehend um unsere unbewussten Räume, um die Themen der eigenen Vita. Wir sollten bereit sein, uns den eigenen dunklen Seiten, den blinden Anteilen zu stellen und uns darum bemühen, sie zu beleuchten und liebend in unser Leben zu integrieren.
  • Auf diesem Pfad, verabschieden wir uns von der Wunschvorstellung perfekte Eltern gehabt zu haben.
  • Und wir kommen in Übereinstimmung mit den eigenen Eltern, indem wir sie nehmen, wie sie sind oder waren. Wir kommen in Übereinstimmung mit unseren Ahnen und unserer Herkunft.
  • Dabei sichten und fühlen wir unsere Wunden und unsere Verletzungen, die zu unserem Leben genauso dazu gehören, wie die Kraft, die daraus entstanden ist.
  • Auf diese Weise, bleiben wir sensibel für den eigenen Wundschmerz und den der anderen und wir überfordern uns nicht.
  • Wir stellen uns selbst verantwortlich unseren emotionalen Bedürfnissen, und sorgen so für uns selbst.
  • Wir lieben uns so, wie wir sind, schützen uns, indem wir die nötigen Grenzen vorgeben.

 

Auf dem spirituellen Weg, verlieren familiäre und kulturelle einengende Denk-und Verhaltensmuster, allmählich ihre Macht über uns. Wir bringen uns mehr und mehr in die Situation, die Führung unseres persönlichen Prozesses und des Hilfeprozesses zu übernehmen, und uns dabei unserer inneren schöpferischen Instanz anzuvertrauen. Wir Helfer sind Vorangehende auf dem Weg zur Quelle. Denn letztendlich bestimmt unser innerer Prozess, in einem sehr hohen Maße, was wir für den Klienten tun können. Ob wir ihm wirklich helfen können. Ob unsere Hilfe, mit seiner seelischen Entwicklung übereinstimmt. Das heißt, ob wir in der Lage sind, in einem anderen Menschen, die inneren Kräfte zu wecken und ein selbst verantwortliches Lernen zu initiieren.

 

Das wissende Helfen in Verbindung mit der spirituellen Entwicklung des Helfers

  • ist ein unangestrengtes Helfen. Es ist ein Helfen, das nicht aus der persönlichen Kraft heraus hilft. Der Helfer führt, und er lässt sich dabei führen von seiner inneren schöpferischen überpersönlichen Instanz.
  • Es ist ein achtsames, ein gesammeltes, zurückhaltendes Helfen, denn der Helfer ist dabei in seiner Mitte.
  • Es ist ein Helfen das auf Macht und Kontrolle verzichtet.
  • Es ist ohne Urteile und ohne Wertungen.
  • Es ist ein furchtloses Helfen, das Stand halten kann. Der Helfer kann standhalten, weil er auf seinem Weg zur Quelle so manche Talsohle selbst durchschritten, und sich seinen eigenen Ängsten und seiner Wirklichkeit gestellt und sie angenommen hat.
  • Auf diese Weise hat er die Kraft entwickelt, sich den inneren Bewegungen des Klienten, die ans Licht drängen zu stellen. „Er ist also kein Macher, der von sich aus etwas initiiert und erreichen will. Er weiß, dass er nur in der Zurückhaltung, in der wachsamen Zurückhaltung es ermöglicht, dass Verborgenes ans Licht kommt. Das was ans Licht gekommen ist, ist das, was wirkt."(1) Hat der Helfer dann den Mut, dass, was sich zeigt im Hilfeprozess, selbst anzuschauen und auszusprechen, es dem Klienten auf einer erwachsenen selbst verantwortlichen Ebene zuzumuten, dann ermöglicht er dem Klienten einen Erkenntnis- und Wachstumsweg. Das Zumuten von Selbstverantwortung und bewusster Wirklichkeit gibt dem Klienten die Chance zur seelischen Entwicklung, zu innerem Wachstum und Entfaltung, zu einem selbst verantwortlichen Lernen. Das ist der wahre Reichtum für einen Menschen, wenn er dabei unterstützt wird, dass seine Seele lernen und wachsen darf und wenn sein Unvermögen sich wandeln darf, zu einem Vermögen.

 

Literaturangaben:

1. Bert Hellinger, Ordnungen des Helfens, Carl-Auer-Systeme Verlag 2003
2. Fons Delnooz und Patricia Martinot, Spirituelle Hilfe, Windpferd Verlag 2004
3. (1) Bert Hellinger, das Familien-Stellen in Bewegung, in Praxis der Systemaufstellung 2/2002. (Herausgeber: internationale Arbeitsgemeinschaft, Systemische Lösungen nach Bert Hellinger e.V )