Aus: DAO Magazin fernöstlicher LEBENS-Kunst Reiki Sonderheft Oktober 1994

 

Reiki und die Gesundung deprivierter Kinder

 

Über Reiki ist allgemein bekannt, daß es beruhigt und entspannt. Daß viele Menschen durch Reiki zu ihrem Urvertrauen zurückfinden, ist weniger bekannt. Was passiert, wenn deprivierte Kinder mit Reiki in Kontakt kommen, schildert dieser Beitrag von Enamaria Weber-Boch.

 

Nachdem Cara (7 Jahre all) zum ersten Mal eine Reiki- Behandlung bekam, erzählte sie ihrer Sozialen Mutter begeistert. aber auch erstaunt: ,.Ena faßte mich ganz zart an. dann wurde es warm. und das war sehr schön." Papa hat mich niemals so angefaßt." Seit ungefähr zwei Jahren lebt Cara in unserem dezentralen familienorientierten Kinderheim.

Die Unterbringungsdiagnose lautete: Sexueller Mißbmuch. körperliche. seelische und geistige Verwahrlosung. Der Alltag mit Cara, die zahlreichen Fachgespräche über sie ließen uns allmählich das Ausmaß ihrer Deprivation erahnen und schließlich auch erfassen.

Cara ist eines der vielen Kinder unserer Einrichtung. deren Odyssee des Leidens und der Entbehrung elementarer Bedürfnisse in früher Kindheit sie stumpf, hohl und unempfindlich gemacht hat. Wie nahezu alle unsere Kinder hat sie Angst zu fühlen und hält verzweifelt aber auch kampferprobt an dem Status quo ihrer gewohnten entwürdigenden Erfahrungen der Vergangenheit fest. Ihr Verhalten unterliegt dem Wiederholungszwang, die gewohnten, vertrauten Negativerfahrungen immerwieder von ihren neuen Bezugspersonen einzufordern.

Cara ist eines der Kinder unserer Einrichtung. die so verschwindend wenig Urvertrauen hat. daß für sie eine klassische Therapiesituation nicht angezeigt ist. Inzwischen ist Cara 'stolze Besitzerin' des ersten Reiki-Grades und nimmt zusammen mit vier anderen Mädchen ihres Alters an einer 14tägig stattfindenden Reiki-Therapie-Gruppe unserer Einrichtung teil. Alle Mädchen haben strukturell ähnliche psychiscbe Voraussetzungen wie sie selbst.

 

Die psychische Gesundung

Meine langjährige Praxis mit deprivierten Kindem lehrte mich. hinter deren teilweise unterwürfigen. feindseligen, verführerischen und verwirrenden Fassaden zu blicken und ihr nicht enden wollendes Verlangen nach Liebe. Schutz und Geborgenheit zu erkennen. Ihre Sehnsucht nach uterusähnlicher Versorgung und Umsorgung ist für mich immer wieder spürbar und überdeutlich. Begleitet wird diese Sehnsucht von der  Verdrängung ihrer Lebensrealität und einer egobestimmten sozialen Verhaltenskette.

ln einer Reiki-Behandlung erleben deprivierte Kinder erfahrungsgemäß eine entspannende uterusähnliche Ver- und Umsorgung. Es werden keine Anforderungen an sie gestellt. Sie unterliegen keinem Leistungsdruck. keiner Konditionierung, und der Alltag weicht einer Wohligkeil und meist auch einer ruhigen Zufriedenheit.

Meines Ernchtens basiert die psychische Gesundung deprivierter Kinder durch Reiki- Behandlungen auf zwei Grundlagen: der psychischen Erltstressung und der Slärkung des Urvertrauens.

 

Die psychische Entstressung

Reiki wirkt unmittelbar energetisierend und harmonisierend auf das endokrine Drüsensystem sowie auf das feinstoffiiche System des Menschen. Wenn man davon ausgeht, daß die seelischen Verdrängungen des Menschen von muskulären Anspannungen begleitet werden (siehe auch W. Reich und A. Lowen). dann ist es nicht schwer. sich vorzustellen. daß die durch die Reiki- Behandlung erreichte Tiefenentspannung des Körpers auch eine muskuläre Entspannung mit sich bringt.

Bekanntlich sinkt der Widerstand gegen unbewußtes. angstmachendes psychisches Stressmaterial in der Entspannungsphase. ln der Entspannung können Ängste leichter abgebaut werden. Es findet eine körperliche. psychische und mentale Entstressung statt. Methoden, wie Hypnose, katahymes Bilderleben (nach Leuner) und auch das psychoanalytische Gespräch im Liegen führen diese Entstressung in der Entspannung gezielt herbei.

Erinnern wir uns wieder der deprivierten Kinder. die ihre sie bedrohenden Mangel- und Entbehrungserlebnisse nicht in ihr alltägliches Bewußtsein holen können, weil dies ihnen Todesängste bereiten würde, sie hätten dem nichts entgegenzusetzen. Das ist meines Erachtens auch genau der Hauptgrund, weshalb sich deprivierte Kinder einer klassiscben psychotherapeutischen Situation nicht zu stellen vermögen.

Erfahrungsgemäß erreichen diese höchst angespannten, zum Teil hyperaktiven Kinder mit Reiki-Behandlungen Entspannungszustände. die ihre bedrohlichen Ängste desensitivieren. lm tief entspannten Zustand ist es den Kindern erst möglich unbewußte und angstbesetzte Gedanken, Bilder und Phantasien in den Wahrnehmungsbereich des Bewußtseins hochkommen zu lassen.

Bedrohliche, angstbesetzte Erinnerungen drängen in ihr Bewußtsein, und, weil sie in der durch Reiki-Behandlungen ausgelösten Tiefenentspannung erlebt werden, werden diese Erinnerungen desensitiviert. d. h. die angstvolle Überempfindlichkeit wird abgebaut. Was im Alltagsbewußtsein Angst machte und verdrängt werden mußte. kann nun immer mehr von den Kindern zugelassen und angstfreier wahrgenommen werden.

Schritt für Schritt wird mit jeder Reiki-Behandlung für die Kinder Angstbesetztes angstfreier und Unbewußtes dem bearbeitenden Denken zugänglich.

 

Die Stärkung des Ur-Vertrauens

Die Reiki-Behandlungen bewirken meines Erachtens außer der allgemeinen Harmonisierung von Körper, Geist und Seele die Entstressung von verdrängtem psychischem Stressmaterial als auch die Stärkung des Urvertrauens bzw. Entstressung und Urvertrauen lassen die Harmonisierung real werden. All dies geschieht auf eine unspektakuläre und selbstregulative Weise. Technisch gesehen vollzieht sich durch Reiki·Behandlungen ein dauernder Wechsel zwischen Entspannungsvertiefung und Desensitivierung (Empfindlichkeitsdä mpfung).

Ist eine bestimmte Entspannungstiefe eneicht. kann neues Material aus dem Unterbewußten aufsteigen und desensitivierend bearbeitet werden. Ist das geschehen, so kann die Entspannung durch Reiki noch vertieft werden. Gefühle von Angst. Ärger, Haß und Mißtrauen werden hierbei ousgeschwemmt, während Gefühle von Liebe. Freude und Verrauen sich ausbreiten können.

Das Gefühl der Gelöstheit und der Wohligkeit während der Reiki-Behandlung ähnelt dem Gefühl eines Säuglings welcher im Arm seiner Mutter liegt. satt. zufrieden. angenommen, ohne Sorgen und Ängste bezüglich der Vergangenheit Gegenwart und Zukunft. Da genau sehe ich die Entwicklungschancen für deprivierte Kinder, ihr geringes. wenig ausgeprägtes Urvertrauen. sprich Gottvertrauen. in sich zu manifestieren.

Die Manifestation von Urvertrauen wird mit der Zeit ihre gesamte Persönlichkeit. ihre Gedanken, ihre Phantasie prägen. Meines Erachtens ist für deprivierte Kinder Urvertrauen die Grundlage. sich ihrer Lebensrealität zu stellen und alte einschränkende. krankmachende und deprivierte Verhaltensmuster nach und nach loslassen zu können.

Die psychische Gesundung ist generell befrachtet kein linearer Proze8, sondern vollzieht sich ganzheitlich. und jedes Kind entwickelt mit Reiki sein individuelles Tempo der psychischen Gesundung.

Anne (7 Jahre alt. äußerst unruhig. kon7.entrntionsgestört mit einem ausgep<ägten Hang z.u belehren und zu kontrollieren) konnte zu Beginn der Gruppenarbeit nur drei bis fllnf Minuten Reiki geben und auch nicht vielltlngcr annehmen.

 

Reiki-Behandlung von Anne

Als sie mir eine Reiki-Behandlung gab, hatte sie nicht zu übersehende Schwierigkeiten, sich mir aufmerksam zuzuwenden. Mit Kraft drückte sie meinen Kopf in das Kissen. Ich beschloß. Anne nicht zu korrigieren und Reiki so anzunehmen, wie sie es mir zu geben vermochte. sofern es für mich nicht noch unangenehmer werden sollte. Ich begann mich zu entspannen, Anne ebenfalls. Der Druck ihrer Hände wurde weniger, ihr Atem wurde ruhiger. sie wurde aufmerksamer, und ihre Berührungen wurden liebevoller.

Bei der Halsposition entspannte ich mich mit Hingabe. Es war eine stille nonverbale Kommunikatlon zwischen uns entstanden. Spontan und herzlich bedankten  wir uns nach der Reiki-Behandlung beieinander. Jede von uns hatte eine bedeutungsvolle Erfahrung gemacht. und Anne hatte mir 30 Minuten lang Reiki gegeben.

 

Beobachtungen

Mit Freude beobachte ich bei diesen oft unruhigen und unkonzentrierten Kindern:

  • Die gegenseitigen Reiki-Behandlungen werden immer länger.
  • Der Reiki-Raum füllt sich zunehmend mit Achtsamkeit und Stille.
  • Die Tuschelgespräche während der Reiki-Behandlungen verstummen immer mehr.
  • Die gegenseitige Bevormundung und Kontrolle läßt deutlich nach.
  • Atmung und Entspannung vertiefen sich.

 

Die Wirkung von Reiki unterstützte ich mit Visualisierungs- und Imaginationstechniken. um das erwachende Grundvertrauen der Kinder in ihrem Bewußtsein auch bildlich zu verankern.

Sonja ( 10 Jahre alt. (leistungblockiert, tief verunsichert. wenig Vertrauen) hat ihren inneren  "Kraftplatz" gefunden. ln einer Therapiesrunde berichtete sie, wie sie ihre Energiequelle in einen Alltagskonflikt einbaute.  Sie erzählte:.Ich gab mir Reiki und holte mir Kraft bei meiner Energiequelle, danach konnte ich sagen, wie ich die Dinge sah und was ich möchte." .,Ich konnte dann auch sagen. wie ich mich fühlte, ich schimpfte nicht mehr über die anderen. es ging mir dann gut."

Sonjas Fähigkeiten, Konflikte zu lösen, haben zugenommen. sie mußte nun nicht mehr durch Schmollen und Beleidigtsein die Situation kontrollieren.

Erstaunlich ist die Kraftquelle von Cara. Sie hat meines Erachtens mit Reiki ein erstaunliches Kraftrepertoir in sich entdeckt. Sie badet förrmlich in Energie. Sie fühlt sich versorgt und unterstützt. Im Alltag hat Cara ihre innere Einsamkeit überwinden können und kann sich zunehmend dem Leben öffnen mit weniger Kontrolle und weniger zwanghaften Verhaltensweisen.

Mit Staunen beobachte ich folgendes im therapeutischen Teil der Gruppentreffen:

  • Kinder. die bislang keine Sprache für ihre leidvollen Erfahrungen hatten, beginnen nun ihre Geschichte zu erzählen und ihre Ängste zu verbalisieren.
  • Ihre Wahrnehmungsspanne wird merkbar weiter und differenzierter.
  • Sie rücken ab von ihrer Realitätsferne und der Verdrängung ihrer Lebensrealität.
  • Die altersentsprechende Eigenverantwortung steigt Es wird weniger projiziert.
  • Es entsteht ein größerer Zusarnrnenhalt. Mehr Nähe miteinander, Fröhlichkeit, Aufmerksamkeit und gegenseitige Achtung.

 

Ausblick

Reiki ist meines Erachtens ein sinnvoller. vielversprechender und zukunftsweisender Weg in der Albeil mit deprivienen Kindern. ln unserer Einrichtung leben die Kinder in sozialen Familien, die ihnen Offenheit, Annahme. Geborgenheit und Wertschätzung trotz aller Sozialer Schwierigkeiten immer wieder entggegenbringen.

Erfahrungsgemäß zeigt jedoch die Lebenspraxis. daß die Kinder die Hinwendung und Zuwendung von ihren 'neuen" Bezugspersonen nur bedingt annehmen können und z. 8. einen vertrauensvollen Körperkontakt  nicht eingehen können. Der Körperkontakt. den sie mit Reiki erfahren. ist in gewisser Weise ' neutral' in keiner Weise manipulierend und bestimmend.

Es ist die Weitergabe. der bedingungslosen Liebe. fern von jegliche.r persönlicher Begrenzung, welche sie spüren und annehmen können. Mit Reiki und therapeutischer Begleitung erscheint es mir für deprivierte Kinder möglich:

  • ihre Vergangenheit zu bewältigen,
  • von der sozialen Konditionierung ihrer biologischen Familie loszukommen,
  • Sicherheit und Substanz durch Urvertrauen zu manifestieren.
  • die Liebe. die Wertschätzung ihren neuen Bezugspersonen anzunehmen.

 

All das sind Voraussetzungen für ein erfülltes. glückliches und zufriedenes Leben.